SoliLa 2012

Die Geschichte der SoliLa seit dem 17. April 2012

Eine Idee und ihre Umsetzung

SoliLa! Steht für “Solidarisch Landwirtschaften Jedlersdorf” und ist eine Gemeinschaft, die sich auf der Besetzung einer brachliegenden landwirtschaftlichen Fläche gebildet hat. Wir sind eine Gruppe Landloser, Bäuer_innen und zukünftiger Bäuer_innen, sowie Menschen, die sich die Kontrolle über die Produktion der Lebensmittel wieder aneignen wollen. Die Besetzung der Fläche fand im Kontext des 17. Aprils, dem Tag des kleinbäuerlichen Widerstands statt, als Konsequenz der Unmöglichkeit für eine kapitallose Gruppe junger Landloser an ein Stück Land in Wien zu kommen. Nach einem halben Jahr Suche, und Gesprächen, bei denen Kontakte mit der Stadt Wien gemacht wurden und Politiker_innen ihre Sympathie für ein solches Projekt bekundeten, schien es trotz allem kein Land für uns zu geben.

SoliLa!

Die Idee einer „Solidarischen Landwirtschaft“ ist es, kollektiv eine selbstbestimmte Lebensmittelproduktion zu verwirklichen, bei der ein anderes Verhältnis von Konsumierenden und Produzierenden geschaffen wird. Es wird auf Augenhöhe miteinander gearbeitet und konsumiert. Was bedeutet es, wenn Stadt und Land, sowie Produktion und Konsum, strickt getrennt werden? Wie können wir uns in einer Zeit von „real existierendem Kapitalismus“, Massenproduktion und damit in Zusammenhang stehenden Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen, Zerstörung von ökologischer Vielfalt, Bodenauslaugung, chemischen Spritz- und Düngemitteln sowie Gentechnik gesund ernähren und gleichzeitig eine ogenannte „globale Gerechtigkeit“ praktizieren? Oder ganz einfach: Wie wollen wir miteinander Leben, in was für einer Welt wollen wir leben? Das sind zentrale Fragen, die hinter dem Projekt stehen. Die SoliLa möchte im kleinen eine alternative Produktions- und Lebensweise verwirklichen und so ganz konkret in der Nachbarschaft Jedlersdorf aufzeigen, wie es auch gehen kann. Hier wollen wir uns der Marktlogik entziehen und für das Recht auf kooperative, kollektive, autonome, bedürfnisorientierte, kleinbäuerliche Nahrungsmittelproduktion in Stadt und Land einstehen. Gleichzeitig fordert die SoliLa damit den Stopp der Stadtverdichtung zulasten von Grün- Landwirtschafts- und selbstbestimmten Räumen, sowie Ernährungs- Saatgut- und Landsouveränität.

Der Tag des kleinbäuerlichen Widerstands

Seit dem 17. April 1996, an dem in Eldorado dos Carajas im Norden Brasiliens 19 Aktivisten der Landlosenbewegung ermordet wurden, gibt es jedes Jahr an diesem Tag Demonstrationen, Aktionen und Landnahmen. Die Themen erstrecken sich von Freihandelsabkommen und Klimagerechtigkeit über Gentechnik und Ernährungssouveränität bis zum Zugang zu Land.

Wir nutzten diesen Tag, um uns mit den Kämpfen um Land einerseits zu solidarisieren, und uns andrereseits selbst ganz konkret Zugang zu Land zu verschaffen.

Gemeinsam Landwirtschaften in Jedlersdorf

Das Projekt, dass auf dieser Fläche verwirklicht werden sollte, richtet sich nach den Prinzipen einer CSA (Community Supported Agricultur), in der gemeinschaftlich Gemüse angebaut wird. Darüber hinaus soll aber ein Lebens- und Bildungsraum geschaffen werden.

Von dem selbstproduzierten Gemüse sollen Mitwirkende, Nachbar_innen sowie Foodcoops ernährt werden. Anbauende und Konsumierende bewegen sich dabei nicht in strikt getrennten Gruppen, womit das Verhältnis von Konsumierenden und Produzierenden neu gestaltet werden kann. Das Projekt stellt dieses Konzept als Alternative der Lebensmittelproduktion vor, in der in Gemeinschaft gesunde Nahrungsmittel selbstbestimmt produziert werden können.

Neben dem Anbau von Gemüse soll genug Raum und Zeit für Austausch von dissidentem Wissen und das Erzählen von Mutgeschichten bleiben. Weiters wollen wir die Fläche dafür nutzen verschiedene Werkstätten einzurichten, Räumlichkeiten für Veranstaltungen, Workshops und allen Formen des Wissensaustauschs stellen, regelmäßige Volxküchen zu veranstalten und gemeinsam mit allen Interessierten an einer lebenswerten städtischen Zukunft basteln. Wir wollen sozialen Raum bieten, umwuchert von leckerem Obst, Getreide und Gemüse.

Die Fläche

Seit über einem halben Jahr gibt es konkrete Bestrebungen der BOKU die Fläche an ihre Eigentümerin, die BIG (BundesImmobilienGesellschaft), zurück zu geben. So sind seit Anfang Jänner, laut BOKU, alle Aktivitäten auf der Fläche eingestellt. Die BIG möchte das Grundstück umwidmen und bebauen lassen.

Wir sind der Meinung, dass dies keine gangbare Perspektive für die Fläche ist, daher wollen wir mit unserer Bewirtschaftung der Fläche zeigen, dass eine landwirtschaftliche Nutzung durchaus möglich ist und landwirtschaftliche Flächen nicht dem Baudruck weichen müssen. Wir treten damit für eine andere Stadtpolitik ein, die klein-strukturierte, lokal-verwurzelte Landwirtschaft unterstützt.

Dieses Vorgehen reiht sich in die Verstädterung Wiens ein, wo der Rückgang landwirtschaftlicher Nutzfläche 10,6% beträgt und das Land größtenteils Verkehrs- und Baufläche wird. Täglich gehen in Österreich 15 – 20 ha Boden irreversibel als Bau und Verkehrsfläche für die Landbewirtschaftung verloren. Das ist nicht nur für unser Ernährungssystem, sondern auch durch den Verlust des CO2 Speichers „Boden“ für den Klimawandel eine folgenreiche Katastrophe. Zugleich stehen 80.000 Wohnungen und 30 % der Büroflächen in Wien leer, eine explizite Strategie der Profitvermehrung. Die Zahl der Supermärkte und die Verkaufsfläche pro Einwohner*in steigt rasant, während gleichzeitig nicht-kommodifizierte Freiräume immer mehr schwinden. Zugespitzt: Landwirtschaftlich genutzte Flächen werden verkauft, um daraus immer mehr Verkaufsfläche zu schaffen. Und landwirtschaftliche Flächen werden verspekuliert, um letztlich mehr Spekulationsfläche (oder Leerstand) daraus zu machen. Der Platz für selbstbestimmtes, solidarisches Miteinander, sowie die Fläche für nachhaltige, solidarische Landwirtschaft scheint zu fehlen.

Ziel ist eine permanente landwirtschaftliche Nutzung der Fläche. Dabei ist für uns unerheblich, ob wir die Fläche weiter nutzen oder andere Menschen bzw. Gruppen, es geht darum diese Fläche als landwirtschaftliche Fläche zu erhalten.

Die Besetzung

Das Recht auf Land wurde sich am 17. April, dem „Tag des kleinbäuerlichen Widerstandes“, angeeignet. Rund 60 Menschen stiegen trotz Polizeiaufgebot über den Zaun und begannen umgehend die Fläche wieder zu bewirtschaften.

In den folgenden Tagen entstand ein „Schlaraffengarten“, der kollektiv von den verschiedensten Menschen, die aus verschiedenen Gründen einen Raum wie diesen mitgestalten wollten, geplant und umgesetzt wurde. Es wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich um Infrastruktur, Landwirtschaft und Kontakt „nach außen“ kümmerten. Vorgezogene Pflanzen sowie Saatgut wurden ausgebracht und neue Äcker umgestochen. Im Sinne einer nachhaltigen Lebensweise wurde ein Kompostklo errichtet und sich sorgsam über den Verbleib des potentiellen Düngers Gedanken gemacht. Es entstand ein kleines Zeltlager und das vorhandene leere Glashaus wurde wohn- und nutzbar gemacht, sodass es hier einen Gemeinschafts-, Plenar- und Informationsraum sowie Möglichkeiten zum Vorziehen von Pflanzen gab. Es entstanden eine Saatgut-Tauschbörse, ein kleiner „Kost-nix-Laden“ und eine Kreativ-Ecke. Die Volx-Küche wurde mit u.a. mit Spenden einiger biologischen Höfe Wiens bestückt, sodass es immer abwechslungreich und gesund gekocht werden konnte. Kinder, Nachbar_innen und Menschen aus verschiedenen Teilen Wiens kamen täglich in den Garten um an dem vielfältigen Projekt mitzuwirken. Unter anderem mit dem regelmäßig stattfindenden „Nachbar_innen-Café“ gab es die Möglichkeit sich gegenseitig und das Projekt kennenzulernen und Ideen auszutauschen. Einzelne Nachbar_innen legten kleinere Parzellen an, mit anderen fanden Unterhaltungen durch den Gartenzaun statt. Es schien so, als stieße das Projekt auch hier im Viertel auf Sympathien, da viele äußerten, wie gut es sei, die Fläche vor der Bebauung zu retten und sich trotz anfänglicher Skepsis gegenüber der bunten Lebensweise mit dem „Schlaraffengarten SoliLa“ solidarisch zeigten. Das große Interesse von Nachbar_innen, lokalen Politiker_innen und Presse wurde mit Freuden Seitens der Besetzer_innen in Empfang genommen. Weiterhin wurden Gespräche mit Boku und BIG gesucht.

In diesem gemeinschaftlichen Raum „SoliLa!“ wurde in dieser Zeit nicht nur miteinander gehacklt, gebaut, diskutiert, Pläne geschmiedet, gekocht und musiziert, sondern es fand sich eine kleine Gemeinschaft, die viel voneinander zu lernen hatte und in der Träume und ganz konkrete Ideen eines selbstbestimmten, zukunftsfähigen Lebens großes Potential zu haben schien.

Gewaltsame Räumung. Doch wir wachsen weiter!

Am 26.04.2012 wurde den friedlichen Besetzer_Innen von Jedlersdorf der Boden für eine nachhaltige und solidarische Landwirtschaft vom Rektorat der BOKU gewaltsam entzogen.

Dieses beauftragte private Sicherheitskräfte der Firma „Hel–Wacht“, die NICHT den Regeln einer polizeilichen Räumung unterliegen, die Besetzer_Innen zu räumen. Durch schwammig formulierte „Regeln“ können gewaltsame Übergriffe nicht verfolgt werden.

Im Vorhinein entschieden sich die Besetzer_Innen bereits, das Gelände geschlossen und friedlich zu verlassen. Als jedoch mit der nicht angekündigten Zerstörung des Eigentums von „Großstadtgemüse“ (ein paralleles Projekt, das lang ansässig war) begonnen wurde, solidarisierten sich die Besetzer_innen spontan und halfen, deren Hab und Gut an den Rand des Geländes zu bringen. Dabei kam es zu massiven Gewaltausschreitungen von Seiten der „Hel-Wacht“.

Die Stellungnahme des Rektorats der Boku, in der betont wird, die Räumung sei „gewaltfrei“, „friedlich“ und „ohne Zwischenfälle“ geschehen, wurde bis dato nicht richtig gestellt. Obwohl es von Seiten der SoliLa eine Anfrage diesbezüglich gab und mit dem Vorschlag und der Bemühung um eine gemeinsame Richtigstellung einen konstruktiven Versuch auch in Zukunft eine Gesprächsbasis zu gestalten. Die Vorgänge sind gut dokumentiert und Anzeigen gegen Einzelpersonen der „Hel-Wacht“ wären möglich.

Die Idee der SoliLa! kann dadurch nicht zerstört werden. Es ist ein großes Netzwerk entstanden, das täglich weiter wächst und Früchte trägt. Am 15. Mai schufen wir in einer Ideenwerkstatt die Möglichkeit, gemeinsam an Visionen zu basteln und uns weiter zu vernetzen. Zudem finden derzeit mit allen Beteiligten Verhandlungen über eine Zwischennutzung der Fläche statt. Schön ist, dass sich nun auch eine CSA-Initiative aus der Nachbar_innenschaft einklinkt.

Nachdem die Verhandlungen über die Nutzungsmöglichkeit der Fläche von Seiten der Boku abrupt beendet wurden, ist SoliLa landlos und gerade dabei wieder Zugang zu Land zu gewinnen. Wir verurteilen die Art der Boku die Verhandlungen zu führen, fühlten uns mit leeren Interessensbekundungen hingehalten und dann mit Verweis auf Sachzwänge abgespeist. Die Boku hat scheinbar nach wie vor kein Interesse an emanzipatorischen Projekten junger Menschen und dem Aufbau alternativer Landwirtschaft. Das ist schade und zeigt einmal mehr das Universitäten häufig Herrschaftsinteressen folgen anstatt Menschen zu kritischem Denken und einem selbstbestimmten Leben anzuregen. Es wird uns aber nicht davon abhalten solidarisch zu landwirtschaften, dissidentes Wissen zu verbreiten und weitere Halbinseln gegen den Strom zu schaffen.

SoliLa ist derzeit auf Landsuche, bildet sich fort und ist teil von verschiedenen Projekten oder Veranstaltungen wie z.B. den Wienwochen, der Zukunftsuniversität Schleining oder dem Elevate festival 2012.

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